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Wo*men 2 Stage – How to Festival 2022

Am 15.09. und 16.09.2022 bietet die Reihe Wo*men 2 Stage im Rahmen des Con Next Festivals in Reinstorf alles was wir von einem perfekten Lineup erwarten: Abwechslungsreichen Sound von sanftem Folk über laute Rock-Gitarren und filigrane Basslines bis zu modernem Jazz. Das besondere: zwei Tage stehen lauter Musiker:innen des Fe*male Labels Pussy Empire Recordings und auf der Bühne. Und weil das noch nicht reicht plus zwei Bands des Fintarei Festivals und eine Gastband aus den Niederlanden. Mehr FINTA Beteiligung an einem Festival geht kaum. Warum wir im 21 Jahrhundert immer noch drüber reden müssen erstaunt. Catharina Boutari, Feministin Musikerin, Labelinhaberin und deutsch/ägyptischer Querkopf, erklärt warum. 

Auf die Newsmeldung, dass das Münsteraner Label ‚Ladies & Ladys‘, zusammen mit der Band ‚Kochkraft durch KMA‘, einen Charity Sampler mit Namen ‚Cock am Ring‘ initiiert hat, auf dem 24 FINTA* Bands Songs von Männerbands des aktuellen Line-Ups von Deutschlands größtem Festival „Rock am Ring“ covern, um die Erlöse zu spenden, damit sich das Festival im nächsten Jahr mehr Frauen (-bands) leisten kann, wird in der Kommentarspalte eines großen deutschen Online Musikmagazins von ’Klartexter‘ wie folgt geantwortet: Vielleicht können die es einfach nicht. #Fotzengejammere.

Als Hintergrundinformation sei hier angemerkt, dass ‚Rock am Ring‘ es seit 10 Jahren nicht schafft, die Frauenquote auf über 10 Prozent zu heben und dieses Jahr mit stolzen 5,6% weiblich und weiblich gelesenen Menschen (laut Music S Women) ins Festivalrennen gegangen ist. Dabei ist Rock am Ring nicht das einzige Festival, welches mit solch schlechten Zahlen aufwartet. Das Highfield Festival kommt auf 3,6%, das Full Force auf 5,28 %, das Sputnik Springbreak Festival auf 8,75% (MDR Kultur). Um ein paar weitere Beispiele für das immense Ungleichgewicht auf den Bühnen zu nennen.

Warum das so ist? Weil es immer so war? Weil das Argument „Wären Frauenbands besser, würden sie auch gebucht“ mit der Schlussfolgerung „Buche ich Frauen bzw FINTA Bands, dann verkaufe ich weniger Tickets und mache Verlust“ nicht aus den Köpfen zu bekommen ist? Weil wir (so weitere Kommentare) nörgelige „Opfer“ sind? Oder gar „Pussies“? Weil sich auch keine „Frau darüber beschwert, dass die meisten Personen bei der Müllabfuhr männlich sind“? Weil dieser „ganze Genderschwachsinn“ total nervt? Willkommen im 21.Jahrhundert.

Weil es heutzutage eben nicht reicht, die „Musik problemlos im Internet (zu) veröffentlichen und (zu) schauen, ob es Interesse gibt“. Weil Chancen erstmal bekommen werden müssen, um sie nehmen zu können. Weil es so verdammt wichtig ist, außerhalb der eigenen Bubble, vor einem unbekannten Publikum, spielen zu können, um sich ein Publikum überregional aufzubauen. Weil Frauen die Hälfte der Bevölkerung ausmachen und dies auch auf den Bühnen abgebildet sehen möchten. Erst recht, wenn die Festivals mit Bundesgeldern gefördert werden. Oder, wie Judith Liere in der Zeit schreibt, weil heutzutage „Frauen recht hartnäckig darauf bestehen, als normaler Teil der Kulturgeschichte und nicht als Sonderkategorie wahrgenommen zu werden“. Und weil wir alle sonst verdammt viel wahnsinnig tolle, aufregende Musik und Konzerterlebnisse verpassen würden.

Warum also all der Hass, all die Häme? Weil Männer es so gewohnt sind, ihre 90% vom Kuchen als 50% wahrzunehmen und jedes Weniger sofort als Elemination empfinden? Ihnen sei gesagt: Entspannt euch. Es geht nicht um Verdrängung. Es geht um die Schaffung eines GLEICHgewichts.

Ein Glück gibt es aber bereits jetzt schon Leuchttürme an Festivals und VeranstalterInnen, die zeigen, dass ein anderes „Normal“ funktioniert, finanziell interessant ist und spannende Line-Ups produziert.

Das Iceland Airwaves und das Primavera Sound Festival Barcelona beweisen schon seit einigen Jahren eindrucksvoll, mit welcher Selbstverständlichkeit ein hochwertiges, geschlechtergerechtes Festival gestaltet werden kann und setzen problemlos eine 50/50 Quote im Booking um. Das Primavera Festival schreibt auf seiner Homepage über ihre Festival Policy: „Pluralität, Vielfalt und Heterogenität sind auf der Bühne, aber auch abseits der Bühnen selbstverständlich.“ Es möchte „ein gleichberechtigtes Line-up, das verschiedene Realitäten und Gefühle zusammenbringt, die über die Musik hinausgehen“ zeigen und diese Haltung auch in ihrem Publikum gespiegelt wissen. Laut MDR Kultur kommt das Melt Festival auf 46% FINTA, das Rudolstadt Festival musikalisch auf 31 % und das Splash Festival auf 19%. Immer mehr Festivals schließen sich der Initiative ‚Keychange‘ an und verpflichten sich eine 50/ 50 Quote beim Booking einzuhalten.

Und ein Glück gibt es Rolemodels, wie zum Beispiel die gerade extrem erfolgreiche amerikanische Musikerin Lizzo oder den britischen Sänger Harry Styles, die aktiv dazu beitragen ein neues ‚Normal‘ zu definieren. Auf der Bühne und jenseits der Bühne. Denn Kinder brauchen Rolemodels, um sich ihr Zukunftssein vorstellen zu können. FINTA Musikerinnen Rolemodels, damit es mehr FINTA Künstlerinnen geben kann. Männliche Rolemodels, die eine Männlichkeit zeigen, die jenseits der engen Grenzen liegt, was einen richtigen Mann ausmacht.

Harry Styles setzt dies um, indem er extrem viele feminine Kleidungsstücke in seine Outfits integriert. Sich jeder optischen Kategorisierung entzieht. Lizzo setzt dies um, indem sie ihre körperliche Fülle extrem unverhüllt präsentiert, um für mehr Body Positivity zu kämpfen. Und dafür natürlich als fette Schlampe vom männlichen Online Mob angefeindet wird. Dabei sollten wir alle, auch die Männer, sie dafür feiern, dass sie Schönheitsgrenzen verschiebt. Bei beiden Künstler*innen steckt doch das gleiche universelle Fazit dahinter: Du bist gut, so wie du bist. Vergiss die Norm. Definiere selber, was begehrenswert und schön ist. Tu, was immer du willst, mit dir, wie immer du auch bist. Welch tolle Botschaft. Welch Befreiung. Und das alles wird uns von einer Bühne vor unsere Füße gelegt.

Im Sinne des Musikjournalisten Linus Volkmann, der uns auffordert Festivals „als Möglichkeitsräume und kleine Utopie-Maschinen“ zu verstehen und zu nutzen (Kaput Magazin), erlaube ich mir am Ende einen Ausflug ins Philosophisch-Visionäre. Ist eine diversere Gesellschaft nicht auch eine gerechtere, zufriedenere Gesellschaft? Sind die Veränderungsbestrebungen im Musiksektor nur ein Beispiel für die allgemeine Chance, die wir in der Nachcoronawelt gerade geschenkt bekommen? Wäre es nicht toll, wenn wir alle etwas mehr fluid sein könnten? Uns aus den starren Rollenbildern befreien? All die Zwischentöne mit ihren Spielräumen ausloten?  Also ‚Wo*men 2 Stage‘. Ihr wisst jetzt warum.

Wo*men 2 Stage Festival LineUp

Donnerstag 15.September 2022

Spoon and the Forkestra
Luna
Junokill 

Featuring Fintarei Festival

Start:20:00 Uhr
Ort: Kulturzentrum Reinsdorf
Hier gibt es Tickets

Freitag, den 16. September 2022

Start:20:00 Uhr
Ort: Kulturzentrum Reinsdorf
Hier gibt es Tickets

Busshuttle mit dem St.Pauli Mannschaftsbus.
Abfahrt: 18.15 Uhr Hamburg Hbf
Tickets + Shuttle. Mail an: festival@1w-lg.net

Wir werden euch das Lineup in den kommenden Tagen nochmal ausführlich ausstellen.

Über Catharina Boutari

Catharina ist deutsch/ägyptischer Querkopf, Sängerin, Gitarristin, Produzentin, Opernregisseurin, Feministin, Labelinhaberin vom Fe*male Label Pussy Empire Recordings und steht als Puder mit ihren „Puder Session Tapes“ auf immer mehr europäischen Bühnen.

* Frauen, Inter*, Nichtbinäre, Trans oder Agender (geschlechtslose)* Personen

Header: Puder: Foto von Inga Seevers
Fotocredits:
Quadrate:
Junokill: Foto von Caren Wuhrer
Spoon: Foto von Philip Seeliger
Luna: Foto von ANNAMA
Elien: Foto by the artist
Puder: Foto von Inga Seevers
Sir Bradley: Foto von Steven Haberland
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