Saitün Band
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Saitün im Interview

Das Debütalbum Al’Azif von Saitün zeigt die Grenzen zwischen künstlerischer Hommage und kultureller Aneignung innerhalb der Musik auf. In unserem Interview erzählen Saitün wie sie zu diesem Thema stehen. Außerdem erfahrt ihr, wie der unverwechselbare Sound der Band entstand und wann sie ausnahmsweise für Spaghetti Bolognese und warmes Dosenbier auftreten würden.

Wie habt ihr als Band zusammengefunden und wofür steht der Name Saitün?

Ach, wir machen alle schon eine ganze Weile Musik. Claudius und Luca hatten früher eine Indie-Band zusammen, während Aaron und Philipp auch mal ein Reggae-Projekt hatten. Vor 12 Jahren oder so. Dann kam Saitensprung, ein Projekt von Luca und Philipp – so Glamrocktrash, quasi der Vorgänger von Saitün.

2017 haben wir in dieser Konstellation erstmals zu viert angefangen zu jammen. Daraus wuchsen die Bands Hank und Gustav Gurke und Peter Paprika. Projekte, die gerade auf Eis liegen. Aaron und Claudius waren ja schon in den anderen Bands dabei und sind dann einfach zur dritten Band dazugestoßen. 

Also wir hatten mal gleichzeitig drei Bands in der gleichen Besetzung und haben gemerkt, dass dies so keinen Sinn macht und wir uns auf Saitün fokussieren wollen. Der Name Saitün sagt nicht so viel aus, vielmehr interessiert uns der Klang vom Namen. Das ist alles.

Der Hintergrund eures Albumtitels ist sehr interessant. Inwiefern hat die Geschichte rund um Al Hazred eure Songs beeinflusst?

Uns gefiel der Klang von Al’ Azif beim Aussprechen. Es tönt so elegant und pompös, aber auch hinterhältig und geheimnisvoll. Dieses Wort Al’Azif (arabisch zu deutsch: das Summen) hat uns wie ein Mantra durch die musikalische Horizonterweiterung der letzten drei Jahre geführt. Wie eine skizzenhafte, unklare Idee im Hinterkopf. Wie ein Summen eben.

Dieses von H.P. Lovecraft beschriebene Geräusch eines alles vernichtenden Heuschreckenschwarmes in den Wüsten des Jemen diente uns als Referenz für den Saitün-Sound auf diesem Album. Die Story über die Begegnung des Dichters Al Hazred mit interstellaren dämonischen Wesen ist ja schon abgefahren. 

Aber ehrlicherweise hat es keiner von uns geschafft, das Necronomicon fertig zu lesen. Hardcore Lovecraft-Fans und Kritiker roastet uns ruhig. Wir sind keine H.P. Nerds. Eher Star Wars oder Naruto. Der künstlerische Prozess mit der eher intuitiven Auseinandersetzung mit diesem Heuschrecken-Wüsten-Bild hat sich richtig angefühlt.

Saitün Band

Euer Sound klingt wie eine Mischung aus Queens of the Stone Age und Tinariwen, was mir sehr gut gefällt. Wie ist euer Sound zustande gekommen? Wer sind eure musikalischen Einflüsse?

Danke! Das sind sicherlich Referenzen, die wir gut einordnen können in unseren Katalog an Musik, die wir schätzen und lieben. Auch musikalische Einflüsse von Künstler*innen wie Omar Souleyman, Selda Bağcan und Erkin Koray prägen den Sound von Al’ Azif. Aber auch westliche Musik wie Kendrick Lamar, Amy Winehouse und White Stripes. In unserem Schaffen geht es nicht darum ein – mit unserer eurozentristisch sozialisierten Brille – verzerrtes Bild von einer Region fernab von unserem Zuhause zu malen. Sondern Musik, die wir lieben und fühlen, für uns zu vereinen.

Wir hatten bei Al’ Azif Lust, mit Konventionen zu brechen und über unseren eigenen Tellerrand zu blicken. Nach dem Motto «Im Westen nichts Neues» widmeten wir uns neuen musikalischen Herausforderungen. Es macht uns auch einfach Spaß in unseren Arrangements nicht alles bei alteingesessenen Schemata verweilen zu lassen und uns selbst wie auch unser Publikum zu überraschen. Letzten Sommer haben wir an einer griechisch-italienischen Hochzeit gespielt. Da gabs Mozzarella und Moussaka. Etwa so tönt Saitün.

Bands wie Khruangbin sind dafür bekannt, chinesische und afghanische Einflüsse in ihre Songs aufzunehmen. Gibt es eurer Meinung nach Grenzen, bis zu welchem Grad sich an dem musikalischen Material bedient werden darf? Welchen Stellenwert nimmt für euch dabei die Auseinandersetzung mit der jeweiligen Kultur ein?

In der Musik wird natürlich viel kopiert, verändert und angeeignet. Schau dir die Hip Hop-Kultur an. Aber ohne Aneignung, wäre sie ja gar nicht erst erstanden und schau dir mal an wie krass verbindend gerade Hip Hop unsere Welt geprägt hat.

Die Frage ist doch von welchem Kulturverständnis du ausgehst. Denn wir leben in einer globalisierten Welt, wo Kulturen aufeinandertreffen und sich vermischen. Wir begreifen dabei also Kultur als ein fluides Gebilde, das nicht unveränderlich ist. Musik lebt von dieser Vermischung und entwickelt sich so weiter. Dabei ist es uns wichtig, Ursprünge und Einflüsse unseres Schaffens zu würdigen und Grenzen zu setzen, wo der Respekt aufhört und wo wir religiöse und politischen Aspekte nicht mit unseren persönlichen Werten vereinen können.

Welche Message wollt ihr mit euren Songs nach außen tragen?

Es läuft so viel falsch auf dieser Welt. Fühlen wir uns nicht alle recht ohnmächtig in diesem Machtgefüge? Kapitalismus ist ungesund. Das Verhältnis vom “Tätig sein” zum existenzsichernden Gut ist fucking exorbitant. Wir krüppeln bis wir alt sind, um dann kaum über die Runden zu kommen. What the fuck? Das macht krank. Nicht nur körperlich, sondern auch psychisch.

Darum müssen wir uns so viel ablenken um mal klar zu kommen mit dieser Welt. Vielleicht flüchten wir darum auf diesem Album in uns unbekannte Gefilde, um unser musikalisches Sanatorium aufzusuchen und uns zu heilen von einer eher missbräuchlichen Beziehungserfahrung mit der Welt. Aber es gibt eben auch so viel Schönes. 

Saitün

Die Veröffentlichung eures Debütalbums steht kurz bevor. Was sind eure Ziele für das Jahr 2022?

Seien wir ehrlich, die letzten zwei Jahre waren scheisse. Wir hatten nicht nur als Band, sondern auch persönlich viele Krisen zu meistern. Wir gehen gestärkt aus dieser Zeit und freuen uns auf dieses Jahr. Die Vinylplatten sind bereits unterwegs vom Presswerk. Unser erstes Album auf dem eigenen Label mon petit canard und tolle Menschen um uns herum. Große Festivals sind bereits bestätigt und es kommen laufend Club-Shows dazu.

Wir wollen also definitiv auf Tour und so viel spielen wie möglich. Aber für ein warmes Dosenbier und Spaghetti Bolo kommen wir dann also auch nicht. Außer es ist der hundertste Geburtstag deiner Großmutter, dann können wir darüber reden. Aber unser Booker und Manager, der Dominic, macht das ja für uns. Also ihm unbedingt schreiben. Er ist sehr lieb und fair.

Wir bedanken uns bei Saitün für das tolle Interview!

Weitere Infos zum Debütalbum Al‘ Azif findet ihr in unserer Review. Aktuelle News zur Band gibt es auch auf der Bandwebseite, auf Spotify, Instagram und YouTube.

Fotocredits: Basil Schubert