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Rückblick Festivals & Open Air 2022 – Teil 2

Die Open Air & Festival Saison 2022 zeigt sich auch im zweiten Teil unseres Rückblicks stimmungsvoll und abwechslungsreich. Doch die ersten Schatten trüben den strahlend blauen Himmel über den Bühnen mit Sicht auf den kommenden Herbst/Winter 2022/2023.

Gemeinsam mit MUSICSPOTS Gründerin Caro Schwarz, erhaltet ihr Einblicke in die Livemusik-Erlebnisse von: Musikerin & Labelmanagerin Catharina Boutari aka Puder, Fotografin Jennifer Ploog und der Hamburger Band Gutbier & Vogeler. Wir nehmen euch mit nach Hamburg, Berlin, Köln und Prag, bevor wir mit einem kleinen Abstecher nach Südfrankreich den zweiten Teil des Rückblicks schließen.

Eins lässt sich vorwegnehmen: Auf den großen Bühnen standen definitiv zu wenig female* Acts. Mit The KBCS & Thomas D, YinYin, Jan Delay, Coldplay, Eric Clapton, Jamie Cullum und Harry Styles listen wir nur männliche Acts als Highlights auf. Das wundert uns. Umso schöner, dass Catharina Boutari aka dem All-Male Line-up direkt den passenden neuen Impuls gibt. Aber lest selbst:

Gedanken Caro (MUSICSPOTS)

Mein Festival und Open Air Sommer startete dieses Jahr Anfang Juni. Nach zwei Jahren Pause fand das ELBJAZZ Festival in Hamburg wieder auf dem Werftgelände von Blohm+Voss statt. Das Festival war gut besucht und es herrschte reges Treiben. Neben den zahlreichen Konzerten fielen jedoch die stark gestiegenen Preise für Essen und Trinken ins Auge. Hier war man schnell mehr als einen Zehner los, wenn man die Begleitung auf ein kühles Getränk einladen wollte. In Kombination mit den gestiegenen Eintrittspreisen waren diese zwei Tage für zahlreiche Musikfans eher kostenintensiv.

Auch die Ausgeglichenheit des Bühnenprogramms ließ in diesem Jahr sehr zu wünschen übrig. Aus meiner Sicht war das Programm stark männlich dominiert und der Anteil weiblicher und queerer Künstler:innen und Bands weder sichtbar noch hörbar vorhanden. Vielleicht war diese Ausprägung an anderen Bühnen abseits des Werftgeländes anders. Warum das so ist, oder warum das so scheint, haben wir von der Pressestelle des Festivals, trotz Nachfrage im Anschluss, nicht beantwortet bekommen.

Meine persönlichen Highlights des ELBJAZZ 2022 waren aber auf jeden Fall der Gig von The KBCS mit Thomas D und YINYIN. Beiden Bands hat man die Freude am Liveauftritt angesehen und die Emotionen sind direkt ins Publikum übergesprungen. 

Höhere Kosten und weniger Gleichberechtigung 

Ein völlig anderes Livemusik-Erlebnis bot dagegen Jan Delay Ende Juli auf der Open Air Fläche des Hamburger Volksparkstadions. Gut 10.000 Fans durften sich auf seinem zweistündigen Konzert über jede Menge Hits und viel Spaß freuen. Mit der energiegeladenen Stage Performance schallte auch die dazugehörige Portion Bass bis nach Hamburg hinein. Die Freude war allerdings nicht bei allen zu gleichen Teilen vorhanden.

Leider sind Beschwerden über Livemusik in stadtnahen Veranstaltungsflächen und Locations ein zunehmendes Problem der Branche. Hier hat aber sicher die frische Hamburger Brise ihren Teil dazu beigetragen, dass auch Fans außerhalb des Geländes feine Beats und satte Bässe spüren konnten.

Gedanken Jennifer Ploog (Fotografin)

Für mich persönlich und lang ersehnt: Coldplay im Olympiastadion Berlin! Was soll ich sagen? Das lange Warten hat sich mehr als gelohnt! Es war magisch – eine unglaublich schöne Atmosphäre, der sich niemand im Publikum entziehen konnte.

Endlich wieder Open Air!

Das gemeinsame Konzerterlebnis wurde durch die Leuchtarmbänder, deren Farbwechsel auf die Musik abgestimmt war, noch verstärkt. Wohin man blickte, sah man glückliche Gesichter. Gemeinsam singen, tanzen, lachen, weinen, hüpfen und springen. Diese Band konnte und wollte man an diesem Abend nur feiern. All diese Emotionen sowie das noch lang anhaltende Hochgefühl nach so einem Abend: Das schafft nur Musik!

Coldplay hat sich übrigens vorgenommen und angefangen, ihre Touren / Konzerte nachhaltiger zu gestalten. Auch wenn es inzwischen Kritik an der Umsetzung gibt, finde ich, ist es ein lobenswerter Ansatz. Man kann Dinge und Kooperationen immer ändern, aber man muss erstmal anfangen. Und das haben sie gemacht.

Mehr über das Konzept erfahrt ihr im ZDF-Beitrag Coldplay: Ökologisch auf Welttournee. Die Kolleg:innen vom BR haben noch mehr Informationen zusammengetragen und zeigen auf, welche Herausforderungen in der Auswahl von Partner:innen liegen. Lest daher auch den Beitrag Coldplay zwischen Nachhaltigkeit und Greenwashing.

Vom Stadion ins Musik-Wohnzimmer

Ein weiteres Open Air Konzert gab es für mich dann ein paar Tage später. Der Hamburger Stadtpark ist deutlich kleiner und war leider für den auftretenden Künstler an diesem Abend nicht ausverkauft. Es ist für mich jedoch immer wieder eine tolle Open Air Location, die nicht ganz klein, aber dennoch irgendwie familiär ist. Ein wenig wie ein Hamburger „Musik-Wohnzimmer“ im Freien. Mir gefällt es.

Gefallen hat mir auch Max Mutzke mit seiner Band. Sehr sogar. Ein toller Künstler. Von soulig bis fast rockig. Von kraftvollen Songs bis hin zur Ballade. Das alles mit einem beeindruckenden Stimmvolumen.

Ich bin spontan „eingesprungen“ und ohne eine Erwartung hingegangen und würde es jederzeit wieder tun. Ein schöner Konzertabend mit einem charismatischen Sänger, einer spielfreudigen Band und einem Publikum, das genauso viel Bock auf dieses Konzert hatte wie die Künstler auf der Bühne.

Sommer, bitte bleib noch etwas!

Anmerkung der Redaktion: Jennifer Ploog hat uns u.a. beim Benny Sings Konzert 2021 in Hamburg mit der Kamera begleitet und ein wenig freuen wir uns wegen dieser wunderschönen Impressionen auf weitere gemeinsame Gigs auch Indoor.

Gedanken Gutbier & Vogeler (Band):

Wir waren zuletzt auf recht großen Konzerten unterwegs, für die wir die Tickets seit 3 Jahren am Kühlschrank hatten. Arne war in Prag bei Eric Clapton und wir waren bei Jamie Cullum & Harry Styles in Hamburg. Allesamt tolle Abende und wir haben selber gemerkt, wie wichtig das auch für uns ist, wieder die Live-Musik unserer Lieblingskünstler zu erleben. Mal abgesehen von der ganzen Energie bei so einem Abend.

Aber es bleibt ein zweischneidiges Schwert. Wir sehen: Große, etablierte Künstler füllen Hallen. Manchmal sogar mehrere Abende hintereinander. Die Independent- und Kleinkunstszene kämpft gerade ums Überleben.

Alles in der Schwebe

Am 23.08 im Knust Hamburg ist unser einziges offizielles Open Air-Konzert in diesem Sommer. Deswegen müssen da natürlich so viele Leute wie möglich kommen! Wir freuen uns schon sehr, gerade weil es schon so lang her ist, dass wir gespielt haben. Wir haben uns in letzter Zeit mehr darauf konzentriert, neue Musik zu machen, weil wir gemerkt haben, wie schwer die Live-/Bookingsituation für kleinere Künstler immer noch ist. Auch uns wurden Gigs kurzfristig abgesagt oder jemand ist krank geworden… Die Gründe sind vielschichtig.

Für uns fühlt es sich immer noch nach einer großen Schwebe an, aus der man nicht so richtig rauskommt und aus der sich schwer eine Perspektive für sich ausmalen lässt.

Hinweis der Redaktion: Wir sagen mal direkt: Ran an die Tickets. Stichwort ist hier wieder #supportyourlocalartist oder einfach nur: Den Feierabend mit guter Musik und guten Freunden geniessen.

Gedanken Catharina Boutari aka Puder (Musikerin & Label Managerin)

Das erste Highlight meiner Festivalsaison waren ganz überraschend die Sirens of Lesbos auf der c/o pop im April in Köln. Zum ersten Mal wieder ein voller Club und eine phantastische Band mit einer außergewöhnlichen Lightshow. Gefolgt von dem (genau so tanzbaren) Auftritt der niederländischen Band YinYin beim Elbjazz im Juni in Hamburg.

Eigentlich wollte ich anschließend in Aix-en-Provence, wo ich meine Mitmusiker*innen von der Artist Residency des Westwaylabs in Portugal wieder getroffen habe, auf das Opernfestival gehen. Wir sind aber im Pool, im Proberaum und auf einem Gartenparty Konzert gelandet. Sei es drum. 

Im September ist mein Label Pussy Empire Recordings für zwei Tage zu Gast beim Con Next Festival in Reinstorf. Mit 6 Fe*male Bands heißt es dann „Wo*men back 2 stage“. Welcome Puder, Sir Bradley, Eliën, Luna, Spoon & the Forkestra und Junokill.

Fazit & Ausblick Festivals

Damit sind wir quasi schon beim Ausblick in die kommenden Open Air & Festival Empfehlungen. Wir werden auf jeden Fall auf am 15. und 16. September auf dem Con Next Festival die Fe*male Bands bejubeln.

Vorher wird es aber noch – soviel sei verraten – Eindrücke vom Haldern Pop kommendes Wochenende geben und wer auf dem Norden Festival ist, kann uns wahrscheinlich auch Hallo sagen. Vielleicht sind wir sogar auf dem Waves Vienna vor Ort und es könnte sein, dass wir dieses Jahr auch wieder beim Reeperbahn Festival vor der einen oder anderen Bühne anzutreffen sind.

Leider ist der Ausblick auf den kommenden Herbst und Winter 2022 /23 wohl kein leichter. Denn neben weiter rückgängigen Vorverkaufszahlen, steigenden Kosten und Absagen von Touren drückt nun noch die Energiekrise die Stimmung. Auch hier wieder: Steigende Kosten und wohl ausbleibende Besucher:innen. Eine Zusammenfassung der aktuellen Lage erhält man im Artikel vom Clubkombinat Hamburg e.V..

Nachhaltig Feiern

Als letztes wollen wir natürlich noch auf den dritten Teil der Open Air & Festival Reihe hinweisen. Larissa trägt bereits fleißig ihre Rechercheergebnisse zum Thema Nachhaltigkeit in der Saison zusammen. Wir wollen nicht mehr feiern, als ob es kein Morgen gäbe. Lieber feiern wir heute so, dass auch die übernächste Generation in 20 Jahren noch vor Bühnen jubeln kann.

Ihr habt den ersten Teil unseres Open Air & Festival Rückblicks verpasst? Hier geht es zu Teil 1.

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Fotocredits: Titel u. Jan Delay by Sandra Schink; Coldplay und Max Mutzke by Jennifer Ploog, Puder bei der Artist Residency by Catharina Boutari.