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Reeperbahn Festival 2021 – zu groß für die Kleinen

Noch knapp 10 Tage bis zum Reeperbahn Festival in Hamburg und MUSICSPOTS ist dieses Jahr nicht dabei. Gerade in dem Augenblick, als die Planung wirklich startet, flattert die Absage zur Presse-Akkredtierung ins Postfach. Warum es ohne Presseticket keinen Sinn macht über das Festival zu berichten, aber Musik, Netzwerke und Partner:innen nicht auf der Strecke bleiben sollen.

Dieses Jahr also kein Reeperbahn Festival für MUSICSPOTS. Ich gebe zu: Das ist keine schöne Nachricht. Die Redaktion hat sich wieder auf das jährliche Festival gefreut. Seit Wochen laufen die Vorbereitungen. Es wird geplant, Termine abgeglichen und es werden Verabredungen getroffen. Von Interviews mit Bands über Meetings mit internationalen Netzwerken, Partner:innen und der Zusammenstellung des Konferenz Programms war alles angestoßen. Nun also alles umsonst.

Pandemiebedingt nicht möglich

Die Formulierung „Aufgrund der pandemiebedingt nach wie vor eingeschränkten Gesamtkapazität ist unser Kontingent für Medienpartner*innen weiterhin stark begrenzt“ kommt herrlich neutral daher. Klar, die Pandemie ist Schuld. Dass man dieses Jahr eher weniger Journalist:innen vor Ort haben möchte, könnte auch das Resultat aus dem vergangenen Jahr sein. Denn wer von uns Medienvertreter:innen hatte letztes Jahr nicht das Gefühl, zu einer sehr exklusiven Corona-Edition eingeladen worden zu sein?

Verständnis für die Absage kann ich persönlich nur begrenzt aufbringen. Als ein in Hamburg ansässiges Online-Magazin, das seit 6 Jahren konsequent begleitend vor Ort war, fühlt sich dies nicht gut an. Haben wir zu wenig berichtet? Sicher nicht. Auf MUSICSPOTS sind in den vergangenen Jahren jährlich umfassende Berichte erschienen. Wir haben vorab, vor Ort und im Nachhinein in Artikeln sowie über Facebook, Twitter und Instagram berichtet.

Es gab tägliche Highlight-Tipps und das eine oder andere Special vor Ort. Die mehrteiligen Nachberichte hatten Schwerpunkte aus Konferenz und Festival und verbanden Musik und Business. Unsere Interviews und Entdeckungen reichten von Kanada bis nach Australien und Afrika. Ich selber war zu Gast in Talkrunden und auf Bühnen zu Moderationen eingeladen. Auch als Host für eine mehrtägige Session durfte ich anwesend sein. Auch dieses Jahr war bereits einiges geplant. Nun hab ich frei.

Ohne Presseticket kein Festival

Könnten wir Festival und Konferenz nicht auch ohne Presseticket besuchen? Klar. Doch hier steht für mich ein klares Nein. Einerseits ist auch bei uns coronabedingt das Konzert- und Festival-Budget auf ein Minimum zusammengeschmolzen. Viel wichtiger ist jedoch, dass es inzwischen quasi unmöglich ist, ohne das Presseticket ein relevantes Interview aus dem Lineup zu erhalten.

So liest sich der Satz: „Wir freuen uns, dass Du über unsere Veranstaltung berichten willst“ mit dem Hinweis auf die Online-Übertragungen wie ein schlechter Scherz. Denn Livemusik vom Sofa aus zu erleben und darüber zu berichten, das konnten wir in den vergangenen Monaten mehr als genug.

Netzwerken über Grenzen hinweg

Besonders schade ist die Absage auch für unsere diesjährig geplanten Schwerpunkte zu den Themen “Female Empowerment, Musik, IT und Marketing”. MUSICSPOTS hat sich bewusst entschieden, das Keychange Pledge zu zeichnen. Wir setzen uns mit unserem Berichten aktiv für die Förderung der Gleichberechtigung in der Musikbranche ein. Wir wollten als Team den direkten Austausch mit der Initiative Keychange (Partner des Reeperbahn Festivals) in Hamburg fortführen. Nun schreiben wir weiterhin fleißig Mails und treffen uns in Zoom Calls. Ebenso gestrichen sind die geplanten Konferenz-Punkte und die inspirierenden Gespräche im Anschluss. Genau dies ist jedoch das Wichtigste an einer Konferenz und kann durch keine Online-Plattform ersetzt werden.

2021 ist alles anders

Vielleicht ist aber dieses Jahr wirklich alles anders. Was sich anfangs anfühlte, als ob der beste Freund / die beste Freundin einen nicht zur jährlichen Silvester-Party eingeladen hat, könnte nun ein Anstoß für Veränderungen sein.

Wahrscheinlich ist MUSICSPOTS für das große internationale Festival als unabhängiges Online-Magazin zu klein und zu unbedeutend. Wir sind nicht werbefinanziert und erreichen ohne Affiliate-Partner nicht die gewünschte Reichweite. Wer heute nicht über 10K Follower auf den Social Media Kanälen bieten kann, wird direkt ausgemustert. Es geht erst um Klicks und Likes, dann erst um Inhalte. So werden erneut zahlreiche Lifestyle Medien anwesend sein, die weniger über die Hintergründe von Musik berichten, als über die Turnschuhe der Bandmitglieder. Nach dem Opening steht sicher auch das vegane Backstage Menü im zweiten Absatz jeden Posts. Klingt bissig? Ja, sollte es auch.

Es wäre ein Freude gewesen zahlreiche Musiker:innen und Bands live zu erleben, Talente zu entdecken, die man zufällig hört, weil man gerade an einer Bühne vorbeischlendert. Ein Festival wird nie einen Streaming-Algorithmus ersetzen. Zu gern wären wir mit den anderen Presse-Kolleg:innen über das Festival gezogen, hätten Eindrücke verglichen und gemeinsame Berichte geschrieben. Wir wissen: Was das Festival ausmacht ist, der Austausch vor Ort, der dieses Jahr für uns so nicht stattfinden wird.

Zum Glück haben knapp 20 Monate Pandemie gezeigt, dass es kein internationales Festival braucht, um persönliche Kontakte über Grenzen hinweg zu pflegen. Mit vielen guten Partner:innen, Bands und Musiker:innen sind wir seit Wochen im engen Austausch über neue Releases und Shows und werden uns sicher auch neben der Reeperbahn treffen.

Derzeit erhalten wir glücklicherweise mehr Anfragen für Interviews, als wir beantworten können. Ich kann ehrlich begeistert sagen: Es gibt viele weitere spannende Musiker:innen und Bands, die nicht vom 22.09. – 25.09.2021 in Hamburg auftreten und die unseren Support mit einem ausführlichen Bericht auch mehr als verdient haben. Auch präsentiert aus meiner Sicht nach wie vor dieses große Event die Vielfalt der Musikstadt Hamburg weiterhin zu wenig. Sicher ist auch dies pandemiebedingt nicht möglich gewesen. Das wird dann sicherlich endlich in 2022 nachgeholt.

Auch wenn sich die Absage zur Presseakkreditierung nicht gut anfühlt, so hat sie auch ihr Gutes. Wir wissen, dass MUSICSPOTS als unabhängiges Musikmagazin von zahlreichen Musiker:innen, Musikschaffenden und Partner:innen geschätzt wird. Wir werden von vielen Seiten dabei unterstützt Musik erlebbar zu machen und werden dies weiterhin tun. Wir sind dankbar für jede Menge guter Tipps und inspirierenden Austausch.

Daher werden wir die bereits zugesagten Termine rund um das Reeperbahn Festival nicht absagen. Die immer noch seltene Chance, sich nach langer Zeit persönlich zu treffen, lassen wir uns nicht entgehen.

Coffee_to_stay

Die Mail zeigt aber auch: Ende September 2021 ist für uns der Augenblick gekommen, verstärkt über die Reeperbahn in Hamburg hinauszublicken und wieder neue Wege zu gehen. Denn, wenn der Wert von gutem Musikjournalismus weiterhin in der Anzahl von Klicks & Likes gemessen wird, bleibt zu hoffen, dass mit jedem Klick auch ein Konzertticket oder ein physikalischer Tonträger verkauft wird.

Fotocredits: MUSICSPOTS im Rahmen der vorherigen Reeperbahn Festivals oder bei anderen Gelegenheiten entstanden.

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