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MS Dockville 2025 Rückblick Teil 2: Sand im Haar, Musik in den Ohren und Glitzer überall

Auch am zweiten Tag des Dockville Festivals am Wilhelmsburger Deich waren das Programm so vielfältig, dass man sich entspannt treiben lassen konnte. Die Sonne war nicht mehr so strahlend, dafür frischte der Wind auf und an diesem Festival so typischer Sand lag über allen Anwesenden. Schön zu sehen, dass dieser Umstand der Stimmung so gar keinen Abbruch tat. Denn auch am Samstag gibt es jede Menge Pop- und Rock-Musik und spontanen Austausch. Was war das Highlight? Ikkimel, Nieve Ella, oder Lola Young? Lest selbst.

Unmöglich, bei dem großen Lineup, den zehn Spielorten auf dem weitläufigen Gelände wirklich jeden Programmpunkt mitzunehmen. Wer früh vor Ort war, konnte mit dem Stand Up Comedy vom Kampf der Künste im Nest starten. Emilia Suchlieb schaffte es, einige noch müde Gesichter zu einem herzlichen Lachen zu bewegen. Uns eingeschlossen. 

Mit Louis Ottley, einem der diesjährigen Krach + Getöse Preisträger*innen, startet das Musikprogramm am Samstag. Diese Band zeigte: Brit-Punk muss nicht zwingend weiß, cis und männlich sein. Auf der Bühne zeigten sie sich als wilde Einheit. Die Fans waren textsicher. Es machte Spaß, diesem Newcomer zuzuschauen. Auffällig für mich war der sehr engagierte Gesang, der oft neben der Band lag. Das hatte ich nach dem ersten Reinhören nicht erwartet, aber die Band der Hammer. Vielleicht spielte auch hier die Nervosität rein. Reinhören sollten Punk-Fans in Louis Ottley auf jeden Fall. Das im Mai erschienene Album Capital hat übrigens nur sieben Songs und ist mit knapp 20 Minuten eher übersichtlich.. Punkt hat halt auch keine Zeit mehr zu vertrödeln. Irgendwie schade.

Wer noch keine Lust hatte, sich Musik anzuhören, ging ins Tentakel. Hier hatte das Format Bingo, Schampus & Karaoke Premiere. Moderator Johannes Raum schaffte es, die Menge endgültig aus der samstäglichen Lethargie zu reißen. Ihr denkt, ihr seid nicht textsicher bei den Hits von Heute und Damals? Vergesst es. Auch als absoluter Nicht-Tokio-Hotel-Fan sind mir die Zeilen von Durch den Monsun (Ja, der feiert dieses Jahr seinen 20sten Geburtstag!) vertraut. Andreas war, wen wundert es, von der ersten bis zur letzten Zeile textsicher.

Die Hauptbühne Großschot wurde am Samstag von Nieve Ella eröffnet. Diese Band ist meine absolute Dockville-Highlight-Entdeckung. Seit Jahren tendiere ich eher dazu bei großen Livemusikveranstaltungen meine Vorliebe für gitarrenlastigen Rock wiederzuentdecken. Nieve Ella hat mich im Sandsturm erobert. Ein Soloprojekt mit toller Bandbesetzung. Viel Tempo und dennoch Songs, die ins Ohr gehen. Hollywood-tauglich? Ja, für eine der vielen Teenie-RomCom Serien auf Netflix & Co. Fühlt euch ordentlich heartbroken bei Car Park und verzieht euch mit einer großen Packung Eis aufs Sofa. 

Rockig ging es auf der großen Bühne weiter. Diesmal mit leiseren Tönen von keinem geringeren als Peter Doherty. Der Indie-Rocker hat mit seinen Bands The Libertines und The Babyshambles Maßstäbe in der Rockmusik Anfang der 2000er gesetzt. An diesem Nachmittag ist sein Set ruhiger und neben aktuellen Stücken begeistert er Fans mit Stücken aus der The Libertines-Ära. Sein aktuelles Album Felt Better Alive spricht auch mich an. So ist dieser blues-rockige Auftritt eine angenehme Chance für viele Besuchenden entspannt am Rand sitzend in das Fernsehprogramm zu starten. 

Dockville heißt aber auch, sich immer mal treiben zu lassen. Das weitläufige, liebevoll gestaltete Gelände lädt zum Verweilen ein. Man trifft immer wieder auf Bekannte, tauscht sich aus, lässt sich inspirieren, kommt vom Plan ab und steht plötzlich bei einem der zahlreichen DJ-Sets und tanzt mit. Man hat das Gefühl, dass sich Sonnenstrahlen vom Glitzern auf dem Wasser auf die lächelnden Gesichter legen und freut sich miteinander über den gemeinsamen Moment. 

Neben der Musik war auch der Austausch mit Musikjournalisten-Kollegin Birgit Reuther aka Biggy Pop ein Highlight. Von Anfang an als Berichtende dabei, erzählte sie uns bei einem Gang vom Großschot zum Vorschot  vom Wandel des Festivals. Der Spirit und der Fokus, Vielfalt abzubilden und alle Menschen zu integrieren und ihnen einen Raum zu geben, sei aber über die Jahre geblieben. Das ist deutlich spürbar und genau das macht es so schön und so entspannt sich unter 25.000 Menschen zu bewegen.

Unser Abendprogramm beinhaltet gleich drei, nein vier Acts. Ikkimel, muss man live erlebt haben, ob man auf sexpositiven Pop steht oder nicht. Wer wissen will, ob Musik noch Massen bewegt, findet hier die Antwort. Ich gebe es offen zu: Ich bin kein Fan. Die Art, wie diese Musikerin ihre Fans anspricht, hat jedoch was. Ich habe vollsten Respekt vor ihren intelligenten feministischen Texten (Ja, ich habe noch mal reingehört). Nein, Ikkimel wird es nicht in die Toplisten von MUSICSPOTS schaffen, aber sollte sich die Möglichkeit zu einem Interview ergeben, nehme ich mir Zeit. Ich habe Fragen. Verändert dieser Musikstil das gesellschaftliche Miteinander langfristig? Ist das überhaupt das Ziel? Andreas hat einen tollen Artikel zum Thema Reclaiming geschrieben. Mein Wunsch: Mehr Respekt zwischen den Geschlechtern, oder endlich ein respektvolles Miteinander ohne das Pochen auf Binarität. 

Kasi ist auch ein Musik-Phänomen, das ich seit Jahren beobachte und mich wundere, dass es noch da ist. Gut gemachter Pop mit deutschen Texten von männlich besetzten Bands, die gefühlvolle Texte über sich und ihre binäre Beziehung singen. In einer cis-männlich domininierten Welt, in der wir gerade einen großen Schritt ins gelebte Patriarchat zuückgehen, ist dieser Erfolg nicht überraschend. Kasi macht an diesem frühen Abend mit seiner Band eine gute Show. So gut, dass er versehentlich seinem Kompagnon einen halben Zahn mit dem Mikro ausschlägt. Ein wenig Rock ‘n’ Roll Realität. Kurze Pause zum Checken der Lage, dann geht es mit kleinerer Besetzung weiter. Wir wünschen dem Kollegen gute Besserung und allen weiterhin gute Shows.

Ähnlich geht es mir mit Moé. Ein Newcomer, der auch dieses Jahr mit dem Krach+Getöse Preis ausgezeichnet wurde. Moé mischt Elektro-Beats mit deutschsprachigen Texten. Düster und melancholisch ist sein Set. Die Fans sind begeistert und viele textsicher. Neben mir steht eine Gruppe junger Besuchenden, die den Newcomer nicht kennen, seinen Stil feiern, aber die Texte dank der überwabbernden Effekten nicht verstehen. Sie bleiben dennoch, denn der Beat und das gemeinsame Gefühl überwiegen. Manchmal reicht das aus. Überraschungsgast auf der Bühne: Frieso. Die beiden ergänzen sich perfekt und das Tentakel Zelt bebt. Vielleicht fehlen mir die Insights, die er den Tag zuvor im Talk mit Matilda geteilt hat, um seine Musik zu verstehen.

Den Abschluss macht natürlich Lola Young. Die Britin begeisterte auf der Großschot Bühne. Die Band ist gut sichtbar platziert, gibt der Sängerin aber jede Menge Raum für ihre Performance. Lola Young ist eine echte Größe und die Show, die sie macht, ist toll. Sie ist eine Persönlichkeit, die von sich erzählt und ihre Fans dabei auf eine besondere Weise einbindet. Es geht um Gemeinsamkeit, ohne sich von binären Grenzen einzuengen. Es ist Rockmusik für alle Generationen und das fühlen wir an diesem Abend.

Fazit:
Das MS Dockville Festival am 16. und 17. August 2025 war super. An beiden Tagen haben uns Musik- aber auch das Kultur-Programm vollständig überzeugt. Wir haben viel Neues entdeckt und genau darum geht es bei großen Livemusik-Events. Wie von Andreas berichtet (LINK) ist es ein Festival, das auf jeder Liste von Musikfans stehen sollte. Die Lage, die Gestaltung von Lineup und Gelände mache es zu einem echten Erlebnis für Musik und Kultur-Liebhaber*innen. Ich glaube, es ist für fast alle ein Programmpunkt dabei, für den sich der Ticketkauf lohnt. Und sei es doch nur, um mit Freund*innen einen Tag in der Sonne zu genießen und sich wieder davon zu überzeugen, dass Hamburg einfach das schönste Industriegebiet hat. Somit eine klare Empfehlung für dieses Festival. Der Termin für das nächste MS Dockville am 14. und 15. August 2026 ist bereits im Kalender eingetragen. Der Ticketshop ist schon geöffnet. Sehen wir uns? 

Fotocredit: Andreas Seibert-Wussow und Caro Schwarz

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